Digitalisierung als Chance: Wie Sie den Unternehmenswert steigern können
Digitalisierung ist in vielen mittelständischen Unternehmen noch immer ein Reizwort. Entweder wird sie als abstrakte Zukunftsvision wahrgenommen, mit der man sich „irgendwann“ beschäftigen möchte, oder als kostspielige Pflichtübung, deren Nutzen sich schwer messen lässt. Beides ist falsch. Wer das Unternehmen in den nächsten Jahren verkaufen möchte, sollte das Thema mit einer anderen Brille betrachten: als handfesten Wertschöpfungsfaktor. Aber auch wer nicht verkaufen möchte, sollte es tun, denn Digitalisierung zahlt sich schlicht aus.
In der M&A-Praxis hat sich in den vergangenen Jahren ein Wandel vollzogen, der nicht zu unterschätzen ist. Digitalisierung ist heute kein Nice-to-have mehr, das in Investorenpräsentationen positiv erwähnt wird. Sie ist in weiten Teilen ein echtes K.O.-Kriterium. Oder umgekehrt ein wesentlicher Werttreiber, der sich direkt im Kaufpreis widerspiegelt.
Der Status quo – und warum er für viele zum Problem wird
Wer glaubt, der deutsche Mittelstand sei auf einem guten digitalen Stand, sollte einen Blick in die aktuellen Studien werfen. Laut der Bitkom-Studie „Digitalisierung der Wirtschaft 2025″ sehen sich 64 Prozent der deutschen Unternehmen als Nachzügler bei der Digitalisierung. Und erstmals gibt eine Mehrheit von 53 Prozent an, Probleme bei der Bewältigung der Digitalisierung zu haben. 2022 waren es noch 34 Prozent.¹ 82 Prozent der Unternehmen sehen die aktuelle Wirtschaftskrise dabei auch als Krise zögerlicher Digitalisierung.² Der Nachholbedarf ist real – und er ist in einem Unternehmensverkauf direkt sichtbar.
Datenverfügbarkeit und Prozessdigitalisierung: Was Käufer heute wirklich sehen wollen
Der erste und grundlegendste Digitalisierungsaspekt, den professionelle Käufer heute prüfen, ist die Frage: Wie gut kennt dieses Unternehmen sich selbst? Gemeint ist die Verfügbarkeit aussagekräftiger, aktueller und verlässlicher Unternehmensdaten. Wer auf Knopfdruck zeigen kann, wie sich Umsatz, Marge und Kosten auf Produkt-, Kunden- oder Regionsebene entwickeln, wer Prozesskosten kennt, Durchlaufzeiten misst und Qualitätskennzahlen systematisch erfasst, ist aus Käuferperspektive ein anderes Unternehmen als jemand, der diese Zahlen erst mühsam aus Excel-Tabellen zusammenbauen muss.
Das ist keine Frage des guten Eindrucks. Es ist eine Frage der Steuerungsfähigkeit – und die zahlt sich im Tagesgeschäft genauso aus wie im Verkaufsfall. Wer seine eigenen Zahlen nicht sauber darstellen kann, hat schlicht weniger Kontrolle über sein Unternehmen. Und einem Käufer liefert er damit Interpretationsspielraum, der im Zweifel immer zu seinen Ungunsten ausgelegt wird. Legacy-Systeme, mangelhafte Datenqualität und Medienbrüche erschweren nach wie vor eine durchgängige Digitalisierung³ – ein Befund, der sich in M&A-Prozessen direkt in der Due Diligence niederschlägt. Investitionen in ein modernes ERP-System, in eine strukturierte Datenhaltung und in aussagekräftiges Reporting zahlen sich nicht nur operativ aus. Sie zahlen sich im Verkauf aus.
Cybersicherheit: gute Unternehmensführung – und ein Bewertungsfaktor
Ein Thema, das in M&A-Prozessen zunehmend an Bedeutung gewinnt und das viele Unternehmer noch immer unterschätzen, ist Cybersicherheit. Die Annahme, dass Cyberangriffe vor allem Konzerne treffen, ist schlicht falsch. Laut BSI-Lagebericht 2025 richten sich rund 80 Prozent der angezeigten Angriffe gegen kleine und mittlere Unternehmen. Diesen fehlen häufig die Mittel und das Wissen, um sich selbstständig zu schützen.⁴ Besonders alarmierend: Mittelständische Unternehmen erfüllen im Schnitt nur 56 Prozent der Basisanforderungen an IT-Sicherheit, überschätzen ihr Schutzniveau dabei aber regelmäßig.⁵ Täglich werden 119 neue Sicherheitslücken registriert: ein Anstieg von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr.⁶
Cybersicherheit ist dabei zunächst einmal keine M&A-Frage, sondern eine Frage guter Unternehmensführung. Wer seine IT-Infrastruktur nicht schützt, riskiert Betriebsunterbrechungen, Datenverluste und Reputationsschäden – unabhängig davon, ob ein Verkauf geplant ist oder nicht. Eine strukturierte IT-Sicherheitsanalyse, die konsequente Behebung von Schwachstellen und ein dokumentiertes Notfallkonzept sind Standards, die jedes Unternehmen erfüllen sollte. Gleiches gilt für den Versicherungsschutz: Die Policen vieler mittelständischer Unternehmen decken die realen Cyberrisiken erschreckend unvollständig ab. Dieses Thema sollte unabhängig von einem Verkaufsprozess geprüft werden.
Der M&A-Effekt ergibt sich dann fast von selbst: Wer Cybersicherheit aus unternehmerischer Überzeugung ernst nimmt und das dokumentiert, hat im Verkaufsfall automatisch die besseren Karten. Wer dagegen erst kurz vor dem Prozess anfängt zu flicken, liefert dem erfahrenen Käufer genau das, was er am liebsten findet: Unsicherheit.
